Das Deutsche Kaiserreich und die Bundesstaaten

Deutsches Reich

Der Verein Deutsches Reich (Kaiserreich) mit dem Reichsland Elsaß-Lothringen umfasst folgende 25 Bundesstaaten:

4 Königreiche

+++Bayern +++

+++Preußen+++

+++Sachsen +++

+++Württemberg+++

6 Großherzogtümer

+++Baden+++

+++Hessen+++

+++Mecklenburg-Schwerin+++

+++Mecklenburg-Strelitz+++

+++Oldenburg+++

+++Sachsen-Weimar-Eisenach+++

5 Herzogtümer

+++Anhalt+++

+++Braunschweig+++

+++Sachsen-Altenburg+++

+++Sachsen-Coburg-Gotha+++

+++Sachsen-Meiningen+++

7 Fürstentümer

+++Lippe+++

+++Reuß ältere Linie+++

+++Reuß jüngere Linie+++

+++Schaumburg-Lippe+++

+++Schwarzburg-Rudolstadt+++

+++Schwarzburg-Sondershausen+++

+++Waldeck+++

3 Freie Städte

+++Bremen+++

+++Hamburg+++

+++Lübeck+++


Otto von Bismarck

Kräfteverhältnisse im Reich

1871 erntet Bismarck die Früchte, die er mit seiner “Blut und Eisen”-Politik gesät hatte: Das Deutsche Reich wird gegründet und der preußische König zum Kaiser aller Deutschen gekrönt. Ein Jahr zuvor hatte Bismarck durch eine List Frankreich dazu provoziert, Deutschland den Krieg zu erklären. Diese Kriegserklärung führte dazu, dass die deutschen Einzelstaaten ein Gemeinschaftsgefühl entwickelten, das während des Krieges zum Patriotismus anwuchs.

Darauf hatte es Bismarck angelegt. Noch während der Kämpfe begann er mit den süddeutschen Staaten über eine Vereinigung mit dem Norddeutschen Bund zu verhandeln. Durch geschickte Diplomatie und verschiedene Zugeständnisse sorgte Bismarck dafür, dass die Einzelstaaten der Reichsgründung zustimmten. Am 18. Januar 1871 wird Wilhelm I. zum deutschen Kaiser ernannt und das Deutsche Reich ausgerufen – mit Otto von Bismarck als Kanzler.

Schematische Darstellung der Kräfteverhältnisse im Deutschen Reich nach der Verfassung von 1871.

Die oberste Instanz im Deutschen Reich

Die Reichsverfassung entspricht in weiten Teilen der Verfassung des Norddeutschen Bundes. An der Spitze des Reiches steht der Deutsche Kaiser. Er ist zugleich König von Preußen, hat in Kriegszeiten den Oberbefehl über die Streitkräfte, beruft den Bundesrat und Reichstag ein und kann sie beide auflösen. Der Kaiser ernennt den Reichskanzler und kann ihn entlassen.

Der Reichskanzler ist zugleich preußischer Ministerpräsident und Vorsitzender des Bundesrats. Im Bundesrat sitzen 58 Vertreter der 25 Bundesstaaten. Mit 17 Vertretern ist Preußen im Bundesrat mit Abstand der stärkste Bundesstaat. Dem Bundesrat gegenüber steht der Reichstag. In ihm sitzen 382 Abgeordnete (ab 1873: 397 Abgeordnete), die in allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlen gewählt werden.

Der Reichstag macht gemeinsam mit dem Bundesrat die Gesetze und muss dem Staatshaushalt zustimmen. Er kann allerdings – mit Zustimmung des Kaisers – vom Bundesrat aufgelöst werden.

Bismarcks zentrale Stellung im Machtgefüge des Deutschen Reichs erklärt sich nicht hauptsächlich aus der Verfassung, sondern aus seiner Persönlichkeit. Besonders sein Verhältnis zu Kaiser Wilhelm I. sorgt dafür, dass Bismarck einen großen Einfluss auf die Politik des Staates hat.

Autor: Christoph Teves


Menschenrechte

Verfassung in Deutschland

Verfassungen sind das Fundament, auf das sich ein Staatswesen gründet. Sie regeln das Zusammenleben eines Volkes und garantieren die Rechte des Individuums in der Gemeinschaft. In den Grenzen des heutigen Deutschland wurden viele Verfassungen zu Papier gebracht, aber keine hat die Freiheit so garantiert wie das Grundgesetz.

Die Reichsverfassung

Der Kaiser im Kreise der Kurfürsten, Kupferstich von Abraham Aubry, Nürnberg 1163/64

Der Kaiser im Kreise der Kurfürsten

Seit dem Mittelalter bis 1806 war das Heilige Römische Reich Deutscher Nation die verbindliche, allen Mitgliedern übergeordnete Rechtsinstanz. Grundlage dieses großen Völkerbündnisses war die Reichsverfassung. Zu Beginn umfasste das Reich die Gebiete Italien, Deutschland, Österreich, Niederlande, Schweiz, Böhmen, Schlesien, Pommern und Burgund.

In der Goldenen Bulle von 1356 wurde festgelegt, dass das Reich eine Wahlmonarchie ist. Das Reichsoberhaupt, der Kaiser, wurde von den sieben Kurfürsten gewählt. Dazu zählten die drei geistlichen Kurfürsten, die Bischöfe von Köln, Mainz und Trier, sowie die vier weltlichen, der König von Böhmen, der Markgraf von Brandenburg, der Rheinische Pfalzgraf und der Herzog von Sachsen. De facto stammten die Kaiser seit 1438 aus dem Hause Habsburg, einmal abgesehen von dem Intermezzo des Kaisers Karl VII., der ein Sprössling des bayerischen Königshauses Wittelsbach war.

Das Reich war ein streng föderales Gebilde, das aus vielen unabhängigen und selbstbestimmten Kleinstaaten wie Reichstädten, geistlichen und weltlichen Territorialfürstentümern bestand. Die Reichsstände, also Fürsten, Geistliche und unabhängige Reichsstädte, hatten ein Mitspracherecht auf den Reichstagen, auf denen der Kaiser Hof hielt. Der Kaiser stützte sich im Wesentlichen auf seine Hausmacht, stand aber den anderen Fürsten als oberster Gerichts- und Lehnsherr vor.

An der Schwelle zur Neuzeit entwickelte sich im Kernbereich des Heiligen Römischen Reiches ein deutsches Bewusstsein heraus. Eine Errungenschaft des Wormser Reichtages 1495 war der “Ewige Landfriede”, der Selbstjustiz wie eigenmächtige Pfändungen und Fehden untersagte. Streitigkeiten mussten auf dem Rechtsweg beigelegt werden, wozu das Reichskammergericht eingerichtet wurde. Außerdem wurde seit Worms eine Reichssteuer, der “gemeine Pfennig”, von allen Untertanen erhoben. Mit dieser Steuer sollten das Reichskammergericht unterhalten und der Frieden nach innen und außen geschützt werden.

Im Kriegsfall stellte der Kaiser mithilfe der Landesfürsten eine Reichsarmee zusammen, die aus Landeskindern und Söldnern bestand. Die Ausbreitung der Reformation führte dazu, dass die protestantisch gewordenen Fürsten im 17. Jahrhundert immer mehr auf Distanz zum katholischen Kaiser gingen. Im Zeitalter des Absolutismus beanspruchten die einzelnen Fürsten und Territorialherren eine größere Machtfülle für sich. Das Reich und seine Verfassung verloren immer mehr an Bedeutung, bis es 1806 endgültig zu Grunde ging.

Erste deutsche Verfassungen

Napoleon Bonaparte.

Napoleon Bonaparte

Napoleon knüpfte an das alte untergegangene Reich an und gründete am 12. Juli 1806 den Rheinbund. Das Verfassungsdokument, die Rheinbundakte, war ein Vertrag zwischen dem französischen Kaiser und zuerst sechzehn Territorialstaaten, deren Gebiete rechtsrheinisch, aber nicht unmittelbar am Rhein lagen.

Im Bundestag zu Frankfurt am Main tagten die Mitglieder des Bundes. Die Position Napoleons war übermächtig, wenn auch rein formal alle Mitglieder gleichberechtigt sein sollten. Die Herrscherhäuser, wie die von Baden und Württemberg, konnten an der Seite Napoleons ihr Territorium stark vergrößern. Der württembergische Herrscher nahm von Napoleons Gnaden sogar die Königswürde entgegen. Bis 1808 schlossen sich weitere 23 Staaten dem Rheinbund an, darunter der Kurfürst Friedrich von Sachsen, die Herzöge von Mecklenburg-Strelitz und die Herzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach.

Nach dem Ende der napoleonischen Kriege und dem Sturz Napoleons setzte in den deutschen Kleinstaaten eine rege Verfassungsdiskussion ein, in deren Folge Baden, Bayern, Sachsen-Weimar, Hessen-Darmstadt und Württemberg zwischen 1818 und 1820 eine Landesverfassung erhielten. Diese frühen Länderverfassungen waren in keiner Weise demokratisch. Gesetzgeber war allein der Monarch, der auch Oberbefehlshaber des Heeres war. Die Grundrechte waren unvollständig und die Gleichheit vor dem Gesetz nur ungenügend ausformuliert. Sie bestand im Wesentlichen in der Steuergleichheit und in der Dienstpflicht, die für alle gleich war. Allein die Privatsphäre und die Person genossen einen verfassungsrechtlichen Schutz.

Gerade in Südwestdeutschland bahnten die begeisterten Anhänger einer demokratisch-republikanischen Ordnung den Weg für eine Verfassung, die für alle Deutschen gelten sollte. Legendär ist das Fest auf dem Hambacher Schloss nahe Neustadt, auf dem die Bürger für Freiheit und Demokratie eintraten. Die liberal-demokratische Opposition kämpfte entschlossen gegen die reaktionäre, monarchische Ordnung. Ihr Ziel war die Einführung eines allgemeingültigen Rechts und die Schaffung eines einheitlichen deutschen Staates. In Berlin kam es 1848 zu Straßenkämpfen und revolutionären Ausschreitungen.

Verfassung von 1848

Zeichnung: Die erste Sitzung der Nationalversammlung am 18.05.1848 in der Frankfurter Paulskirche

Die Nationalversammlung am 18.05.1848 in der Frankfurter Paulskirche

Die südwestdeutsche Verfassungsbewegung gründete zunächst ein Vorparlament, das aus 500 Abgeordneten bestand. Die verfassunggebende Nationalversammlung tagte zum ersten Mal am 18. Mai 1848 in der Frankfurter Paulskirche. Die Abgeordneten beanspruchten für sich, den Willen des Volkes zu verkörpern. Das Professorenparlament verabschiedete die “Grundrechte des deutschen Volkes”, die westlichen Verfassungen wie der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung in nichts nachstanden.

Der Grundrechtskatalog beinhaltete Freiheitsrechte, so zum Beispiel die Gleichheit aller vor dem Gesetz, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit und Versammlungsfreiheit. Laut der Verfassung von 1848 lag die Gesetzgebung in Händen des Parlamentes, das sich aus dem Volkshaus und der föderalen Kammer, dem Staatenhaus, zusammensetzte. Vertreter der Exekutive sollte der Monarch sein, dessen Macht von der Verfassung des Volkes legitimiert wurde. Allerdings sollte die Position des Kaisers – und damit die Exekutivgewalt – vererbt werden.

Letztendlich scheiterten die erste demokratische Verfassung und das Paulskirchenparlament an der vorherrschenden politischen Ordnung. Die Macht der souveränen Einzelstaaten und ihrer Monarchen hatten die 48er-Demokraten nicht brechen können. Nachdem die revolutionären Ausschreitungen in Preußen und Österreich seitens des Militärs gewaltsam beendet worden waren und der preußische König Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone abgelehnt hatte, war das Ende der Verfassung von 1848 besiegelt.

Verfassung von 1871

Die lang ersehnte Einigung Deutschlands kam erst mit Reichskanzler Bismarck. Die Verfassung von 1871 verwirklichte ein monarchisches Prinzip. Die Gewalt ging vom Bundesrat aus, der sich aus den Fürsten zusammensetzte, die nun dem Deutschen Reich angehörten. Der Reichskanzler saß diesem Gremium vor. Staatsoberhaupt war der Kaiser, der gleichzeitig König von Preußen sein sollte.

Otto von Bismarck.

Otto von Bismarck

Der Reichstag wurde in allgemeinen und geheimen Wahlen vom Volk bestimmt. Auf die Regierungsbildung hatte das Parlament allerdings keinen Einfluss. Die bürgerlichen Rechte wie Eigentumsrechte und Schutz der Persönlichkeit waren garantiert, auch gab es eine Gleichheit vor dem Gesetz. An eine Demokratie in Deutschland war aber nicht zu denken.

Weimarer Verfassung

Philipp Scheidemann

Philipp Scheidemann verkündet den Beginn einer neuen Zeit

Die zweite demokratisch-republikanische Ordnung auf deutschem Boden nahm mit der Weimarer Verfassung schließlich Gestalt an. Am 9. November 1918 nachmittags rief Philipp Scheidemann vom Balkon des Berliner Reichstages die Republik aus. Die Monarchie hatte abgedankt, der Kaiser ging ins Exil. Weil in Berlin Straßenkämpfe tobten und die Situation insgesamt zu gefährlich war, tagten die Mitglieder des Verfassungsrates im Weimarer Nationaltheater, was dem ganzen System schließlich den Namen Weimarer Republik gab.

Am 11. August 1919 wurde die neue Verfassung verabschiedet. Die Macht ging nun vom Volke aus. Der Reichstag wurde alle vier Jahre durch allgemeine, gleiche und geheime Wahlen gewählt. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte hatten auch Frauen ein Stimmrecht. Das föderale Prinzip war durch den Reichsrat verwirklicht, der durch ein Vetorecht auf die Gesetzgebung Einfluss nehmen konnte.

Starker Mann laut Verfassung war der Reichspräsident. Die Rechte, die ihm zugesprochen wurden, machten die zwei Reichspräsidenten der Weimarer Republik, Friedrich Ebert und Paul von Hindenburg, quasi zu Ersatzkaisern. Der Artikel 48 ermächtigte den Reichspräsidenten, den Ausnahmezustand zu verhängen, wenn Gefahr für die Sicherheit der öffentlichen Ordnung drohte. Dann war auch das Parlament entmachtet und die Notstandsgesetzgebung kam zum Zuge. Außerdem hatte der Reichspräsident die Macht, die Reichsregierung zu entlassen und den Reichstag aufzulösen. Die allgemeinen bürgerlichen Freiheits- und Grundrechte waren im zweiten Hauptteil der Verfassung platziert.

Für das Scheitern der Weimarer Verfassung gibt es viele Ursachen. Ein Hauptgrund neben der Weltwirtschaftskrise und ihren Folgen für Deutschland war sicher die mangelnde Akzeptanz, die das Volk der Verfassung entgegenbrachte, und ein allgemein weit verbreitetes antidemokratisches Denken. Gerade wichtige Funktionsträger wie Richter und Beamte sahen ihre Privilegien in der Weimarer Republik schwinden, die sie unter dem Kaiser noch gehabt hatten. Viele Bürger lehnten die Verfassung ab und diskreditierten damit auch das ganze System.

Das Grundgesetz

Anlässlich der Gründung der Bundesrepublik Deutschland spricht Konrad Adenauer im Parlament und verkündet offiziell das Grundgesetz am 23. Mai 1949.

Konrad Adenauer verkündet das Grundgesetz

Das Grundgesetz ist die modernste und liberalste Verfassung, die Deutschland je hatte, und sie hat sich von allen deutschen Verfassungen am längsten bewährt. Die Demokratie hat sich seit 1945 gefestigt und die politische Ordnung kann durch wirtschaftliche Probleme, wie etwa die Finanzkrise, nicht mehr aus den Fugen geraten.

Obwohl das Grundgesetz schon über 60 Jahre alt ist, gibt es bis heute Antworten auf neue politische und gesellschaftliche Herausforderungen. Eine differenzierte Ausformulierung würde dem Grundgesetz nur schaden. Der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichtes Hans-Jürgen Papier hat es so formuliert: “Das Grundgesetz ist kein Poesiealbum für Wünsche.” Es ist eine Leitlinie für das Staatswesen, ähnlich wie die Zehn Gebote. Mit dem Grundgesetz ist die Geschichte der Verfassungen in Deutschland noch lange nicht zu Ende. Denn wir sind nicht nur Bundesbürger, sondern auch Europäer. Die Versuche, eine einheitliche europäische Verfassung auf den Weg zu bringen, sind bislang noch nicht geglückt.

Autor/in: Sabine Kaufmann


Otto von Bismarck

Er ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten der deutschen Geschichte. Durch seine von “Blut und Eisen” geprägte Kriegspolitik erlangte Preußen die unangefochtene Vormachtstellung in Kontinental-Europa. Otto von Bismarck wurde zum Volkshelden, zum Gründervater und zum ersten Kanzler des Deutschen Reiches. Der Name Bismarck steht für soziale Reformen, aber auch für den Kampf gegen Sozialisten und katholische Kirche. Die Ära Bismarck endete 1890, doch der Mythos Bismarck währt weit über seinen Tod hinaus.

Kindheit und Jugend

Erster Kanzler des Deutschen Reiches

Erster Kanzler des Deutschen Reiches

Otto von Bismarck wird am 1. April 1815 in Schönhausen bei Stendal im heutigen Sachsen-Anhalt geboren. Im selben Jahr wird auf dem Wiener Kongress nach Napoleons endgültiger Niederlage Europa neu geordnet. Bismarcks Mutter entstammt einer angesehenen Gelehrtenfamilie, sein Vater ist Spross eines altpreußischen Adelsgeschlechts und verfügt außer über große Ländereien und Reichtum auch über großen politischen Einfluss. Er wird zum Vorbild für den jungen Mann, der nach seiner Schulzeit Jura in Göttingen und Berlin studiert.

Als die Mutter 1838 stirbt, bricht Otto von Bismarck sein Studium kurz vor dem Abschluss ab. Er kehrt zurück zum väterlichen Landgut und bewirtschaftet es gemeinsam mit seinem Bruder Bernhard. Nach dem Tod seines Vaters 1845 übernimmt Otto die Leitung in Schönhausen komplett.

Er genießt das feudale Leben als wohlhabender Landjunker, heiratet Johanna von Puttkammer, eine tief religiöse Protestantin, und gründet mit ihr eine Familie. Gemeinsam ziehen sie ihre drei Kinder Marie, Herbert und Wilhelm groß.

Bismarcks Weg in die Politik

Neben seiner Arbeit auf dem väterlichen Gut engagiert sich Otto von Bismarck mehr und mehr auf politischer Ebene. Als Mitglied des preußischen Vereinigten Landtages, der aus Vertretern der Stände zusammengesetzt ist, gehört er dem konservativen Lager an und ist ein Verfechter der Monarchie. Dementsprechend steht er im Revolutionsjahr 1848 auf Seiten des Preußen-Königs Friedrich Wilhelm IV.

Der zeigt sich nach der blutigen Niederschlagung des Volksaufstandes auch dankbar gegenüber Bismarck. Er belohnt dessen politisches Engagement und entsendet ihn 1851 nach Frankfurt am Main, wo Bismarck beim Deutschen Bund die Interessen Preußens vertreten soll.

Der König hat auf den richtigen Mann gesetzt, denn Bismarck kämpft vehement für eine Aufwertung der preußischen Position in der vom Hause Habsburg bestimmten deutschen Gesamtpolitik. 1858 übernimmt der liberal gesinnte Prinz Wilhelm von Preußen die Regierungsgeschäfte von seinem erkrankten Bruder.

Bismarck erkennt, dass der neue Regent nicht auf Konfrontationskurs mit Österreich gehen möchte und schickt ihm eine mahnende Denkschrift. Darin spricht er von der nationalen Idee und vom großen Vorteil, den eine Machtexpansion Preußens mit sich bringen könnte.

Wege zur Macht

Wilhelm I. reagiert diplomatisch besonnen auf Bismarcks mahnende Worte. Er stellt den hitzigen Junker vorläufig kalt, schickt ihn für einige Jahre als preußischen Gesandten zunächst nach St. Petersburg, später nach Paris.

Doch 1862 ist Bismarck wieder da und wichtig wie noch nie. Er wird zum Retter in einer inneren Verfassungskrise, die sich zwischen König, Regierung, Abgeordnetenhaus und Militär gefährlich zugespitzt hat und die in einen Staatsstreich der Generäle münden könnte.

Eine Karikatur zeigt Bismarck als Politiker, wie er im Parlament des Norddeutschen Bundes die Peitsche schwingt. Die Abgeordneten ducken sich in ihren Bänken.

Bismarcks harter Stil im Parlament des Norddeutschen Bundes

Es geht dabei um die Kontrolle über die Armee, die der König in seinen Händen halten möchte und um haushaltspolitische Kompetenzen. Bismarck erklärt sich dem König gegenüber bereit, notfalls auch gegen das Abgeordnetenhaus regieren zu können, woraufhin er vom Regenten zum Ministerpräsidenten ernannt wird.

In seiner berühmten “Blut und Eisen”-Rede, die er vor dem wichtigsten politischen Gremium, der Budgetkommission des preußischen Landtages, hält, sagt Bismarck: “Nicht auf Preußens Liberalismus sieht Deutschland, sondern auf seine Macht… Preußens Grenzen nach den Wiener Verträgen sind zu einem gesunden Staatsleben nicht günstig. Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden große Fragen der Zeit entschieden,…sondern durch Eisen und Blut.” Damit hat Bismarck seine Karten auf den Tisch gelegt: Krieg scheint für ihn das passende Mittel, um die Vorherrschaft Preußens zu erlangen.

Mit “Eisen und Blut” für Preußens Gloria

Das aufkeimende nationale Bewusstsein in der Bevölkerung, der Traum von einem geeinten großen Deutschen Reich, ist der Nährboden für die Bismarck’sche Kriegs- und Expansionspolitik, die für Preußen die ersehnte Vormachtstellung bringen soll. Als es mit Dänemark zum Streit um Schleswig und Holstein kommt, lässt Bismarck diesen Konflikt durch das Militär beheben.

Vereint besetzen preußische und österreichische Truppen, nach kurzen und siegreichen Kämpfen, die beiden Herzogtümer. Preußen übernimmt die Verwaltung Schleswigs, Österreich verwaltet Holstein. Doch aus den Bundesgenossen des dänischen Krieges werden bald erbitterte Feinde…

1866 kommt es im Ringen um die Vormachtstellung auf dem Kontinent zum Bruderkrieg zwischen Österreich und Preußen, den die preußischen Truppen in blutigen Kämpfen für sich entscheiden können. Mit der Gründung des Norddeutschen Bundes erfolgt nun der erste wichtige Schritt auf dem Weg zur Einheit Deutschlands.

Eine zeitgenössische Farblithografie zeigt vereinigte bayerische und preußische Truppenverbände bei der Erstürmung der französischen Stadt Orléans. Teile der Stadt brennen und sind in dichten Rauch gehüllt.

Deutsche Truppen erstürmen das französische Orléans

Der nächste Anlass für die Weiterführung seiner “Blut und Eisen”-Politik ergibt sich aus dem französisch-preußischen Eklat über die Besetzung des spanischen Throns, der 1870 zum Deutsch-Französischen Krieg führt. Durch einen geschickten Schachzug erreicht Bismarck, dass Frankreich die Kriegserklärung ausspricht. Dadurch ist der Bündnisfall eingetreten, der auch die süddeutschen Länder auf Seiten des Norddeutschen Bundes in das Kriegsgeschehen einbindet.

Bismarcks Aufstieg und Abgang

Der prachtvolle Spiegelsaal von Schloss Versailles. Gerade ist Wilhelm I. zum deutschen Kaiser ausgerufen worden. Jubelnde Generäle recken ihre Degen in die Luft. Der Kaiser steht auf einer Empore und empfängt die Huldigung mit ernster Mine. Hinter ihm werden Fahnen in die Höhe gehalten. In der Bildmitte steht Bismarck in weißer Uniform.

Bismarck bei der Kaiserproklamation in Versailles

Der vom Norddeutschen Bund und den süddeutschen Ländern gemeinsam errungene Sieg über Frankreich wird von Bismarck sofort politisch genutzt. Am 18. Januar 1871 wird Wilhelm I. im Spiegelsaal von Schloss Versailles zum deutschen Kaiser proklamiert und der einheitliche deutsche Nationalstaat ausgerufen. Otto von Bismarck wird zum ersten Kanzler dieses neu geschaffenen Reiches.

Aufgrund seiner Größe, seiner militärischen Stärke und der rasant wachsenden Industrialisierung wird Deutschland zur stärksten politischen und wirtschaftlichen Macht in Europa. Doch kaum ist dieses Ziel erreicht, tauchen Probleme an der innenpolitischen Front auf.

Mit scharfen Gesetzen versucht Bismarck, die Sozialisten, in denen er eine Gefahr sieht, in die Schranken zu verweisen. Fast gleichzeitig liefert er sich mit der katholischen Kirche und der ihr nahe stehenden Zentrumspartei eine harte Auseinandersetzung. Im sogenannten Kulturkampf entkräftet er den klerikalen Einfluss auf den Staat und führt die Zivilehe bindend ein.

Die berühmte Karikatur des britischen Satiremagazins 'Punch' vom 29. März 1890 zeigt, wie Bismarck über das Fallreep von Bord eines Schiffes geht. Mit gekreuzten Armen lehnt Kaiser Wilhelm II. über der Bordwand und lächelt scheinbar zufrieden. Er trägt die deutsche Kaiserkrone auf dem Kopf.

Der Lotse geht von Bord – das Ende der Bismarck-Ära

Darüber hinaus sorgt er mit fortschrittlichen sozialen Reformen für eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiterschaft. Als im so genannten Dreikaiserjahr 1888 zuletzt Wilhelm II. Kaiser wird, sind die Tage Bismarcks gezählt.

Anders als seine Vorgänger, möchte der neue Regent die Machtbefugnisse Bismarcks beschneiden. Es kommt zum Zerwürfnis und schließlich zum Rücktritt des Reichskanzlers. Die Ära Bismarck endet im März 1889, der Mythos des “Eisernen Kanzlers” lebt bis in die Gegenwart hinein weiter.

Autor: Alfried Schmitz


Kaiser Wilhelm II.

“Zu Großem sind wir noch bestimmt, und herrlichen Tagen führe ich euch noch entgegen.” Ein großes Versprechen des deutschen Kaisers Wilhelm II, der die Monarchie wenige Jahrzehnte später im Deutschen Reich zu Grabe tragen sollte. Ganz falsch liegt er dennoch nicht mit seinem Versprechen. Das Deutsche Reich erlebt in seiner Regentschaft einen unglaublichen Aufschwung und die Menschen leben in Frieden. Fast wäre Wilhelm II. als Friedenskaiser in die Annalen eingegangen. Wilhelm II. ist ein Mann, der das Militärische liebt, sich als Kaiser von Gottes Gnaden versteht und der mit Glanz und Gloria nicht geizt, obwohl sein Start ins Leben alles andere als glänzend ist.

Die Kindheit Wilhelms II.

Wilhelm II. auf einem colorierten Foto

Wilhelm II

Am 27. Januar 1859 wird Wilhelm II. als Kind von Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen und dessen Frau Victoria, einer Tochter der englischen Königin Queen Victoria, geboren. Seine Mutter knüpft große Erwartungen an ihren Sohn, soll er doch als Musterprinz zu einem idealen deutschen Kaiser im Sinne englischer Liberalität erzogen werden.

Doch schon gleich nach der Geburt muss Victoria an ihrem Vorhaben zweifeln. Der Prinz wird bei der Geburt so schwer verletzt, dass sein linker Arm für immer gelähmt sein wird. Diese Behinderung empfindet Victoria als Schmach, sie kann mit dem Makel nicht umgehen und will die Unvollkommenheit ihres Sohnes um jeden Preis kompensieren.

der sitzende Prinz Wilhelm und seine Mutter lesen ein Buch

Prinz Wilhelm und Kronprinzessin Victoria von Preußen

Eine strenge Erziehung und körperliche Torturen quälen den Jungen. So muss er eine Kopfstreckmaschine tragen und den gelähmten Arm im Kadaver eines frischgeschossenen Hasen baden, verzweifelte Versuche, den Arm doch noch beweglich zu machen. Wilhelm II. hat eine freudlose Kindheit.

Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn wird immer sehr problematisch bleiben. Auch das Verhältnis zu seinem Vater ist schlecht, Liebe erfährt der Junge nur durch seine Großmutter, die englische Königin Queen Victoria.

Das Dreikaiserjahr

Brustbild von Friedrich III

Friedrich III. starb 1888 an Kehlkopfkrebs

Im Jahr 1888 besteigt Wilhelm II. den Thron. Als Kaiser Wilhelm I. am 9. März stirbt, wird Wilhelms Vater, Kronprinz Friedrich Wilhelm deutscher Kaiser. Er ist zu diesem Zeitpunkt jedoch schon todkrank. Friedrich Wilhelm leidet an Kehlkopfkrebs, seine Amtszeit soll nur 99 Tage dauern, Friedrich III. stirbt am 15. Juni 1888 – ihm folgt Wilhelm. Mit nur 29 Jahren wird er deutscher Kaiser.

Wilhelm II. sieht sich als Kaiser von Gottes Gnaden. Das liberale Gedankengut seiner Eltern fällt bei ihm auf keinen fruchtbaren Boden. Wilhelm II. ist reaktionär, entwickelt früh eine Leidenschaft für alles Militärische und als Kaiser ist er sogar oberster Kriegsherr.

Porträt von Otto Bismarck

Reichskanzler Otto von Bismarck

Wilhelm II. will selbst politisch gestalten und erhebt Anspruch auf ein eigenes Regiment. Die Auseinandersetzungen mit Reichskanzler Otto von Bismarck sind vorprogrammiert Der Konflikt gipfelt 1890 in der Entlassung des 75-jährigen Reichskanzlers.

Zur Zeit Wilhelm II. hat das Deutsche Reich eine konstitutionelle Monarchie. Alle Gesetze werden vom Deutschen Reichstag beschlossen, dem Parlament fehlt aber eine entscheidende Kompetenz: Der Kaiser, nicht das Parlament wählt die Zusammensetzung der Regierung.

Der Kaiser wählt sein politisches Personal selbst, hievt die richtigen Leute in die richtigen Positionen und muss sich nicht um das Alltagsgeschäft kümmern. So bleibt genügend Zeit, sich einer seiner Lieblingsbeschäftigungen zu widmen: dem Reisen.

Der Reisekaiser

Die jacht Hohenzollern in Norwegen

Jacht Hohenzollern in Norwegen

Ob auf Städtereisen oder unterwegs mit seiner Jacht “Hohenzollern“: Wilhelm II. liebt es zu reisen – bis zu 200 Tage im Jahr ist er unterwegs, vier Jahre seines Lebens soll Kaiser Wilhelm allein auf seiner Dampfjacht “Hohenzollern” verbracht haben. Kreuzfahrten durch das Mittelmeer, Korfu, Italien, Türkei, Israel – und immer sind die Reisen mit ausgiebigen Landausflügen verbunden.

Jedes Jahr geht er für mehrere Wochen auf “Nordlandreise” in die norwegischen Fjorde. Während sein Volk seinen Großvater “greisen Kaiser” und seinen Vater den “weisen Kaiser ” nannte, spricht es schon bald bei Wilhelm II. vom Reisekaiser.

Der Medienkaiser

Porträtfoto von Kaiser Wilhelm II.

Porträtfoto von Kaiser Wilhelm II.

In der Kaiserzeit expandiert der Zeitungsmarkt. Es gibt eine große Nachfrage nach bunten, privaten Geschichten und für dieses Bedürfnis ist Wilhelm II. genau der Richtige. Die Medien und der Kaiser haben sich gefunden.

Wilhelm II. ist ein Selbstdarsteller, liebt die Kamera und sieht in den neuen Medien eine große Chance, das Kaisertum wirksam zu repräsentieren. Er lässt sich ständig fotografieren, schlüpft in die unterschiedlichsten Uniformen und geht sehr unkompliziert auf die Menschen zu, er genießt das Bad in der Menge – nicht immer zur Freude seines Protokollchefs.

Oft hält der Kaiser bei solchen Anlässen spontane Reden. Von Stimmungen geleitet, macht er immer wieder Äußerungen, die undiplomatisch sind, wie zum Beispiel in der “Hunnenrede”: Bei der Verabschiedung des deutschen Expeditionskorps zur Niederschlagung des Boxeraufstandes in China lässt er sich unter anderem zu folgenden Äußerungen hinreißen: “Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! … Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, so möge der Name Deutschland in China in einer solchen Weise bekannt werden….”

Während des Ersten Weltkriegs benutzt die britische Kriegspropaganda den Begriff “Hunnen” als Synonym für deutsche Barbarei.

Wilhelm II. und der Erste Weltkrieg

Kaiser Wilhelm II. bei einem Besuch der deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen in Galizien.

Erster Weltkrieg – Kaiser Wilhelm II. bei der Truppe in Galizien

Als der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajevo ermordet wird, befindet sich Kaiser Wilhelm II. auf seiner Jacht Hohenzollern auf der Kieler Woche. Er kehrt sofort zurück nach Berlin. Das Deutsche Reich hat ein Abkommen mit Österreich-Ungarn. Wilhelm II. hat im Fall eines Krieges mit Serbien, dem Verbündeten bedingungslose Unterstützung zugesichert.

Als Österreich den Serben den Krieg erklärt sieht er sich in der Pflicht. Einerseits steht Wilhelm II. in Nibelungentreue zu Österreich-Ungarn, andererseits versucht er in einer Depesche an seinen Vetter Zar Nikolaus II., den Krieg zu verhindern.

Der Einfluss der Monarchen reicht aber nicht mehr aus, die militärische Führung des Deutschen Reichs entscheidet sich aus strategischen Gründen für ein schnelles Vorgehen gegen Russland.

Die Frage der Schuld Wilhelms II. am Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist nach wie vor ein heikles Thema und wird unter Historikern kontrovers diskutiert. Sicher ist, dass der Kaiser nicht alleine über Krieg oder Frieden entscheiden konnte. Das deutsche Regierungssystem hat das nicht zugelassen.

Außerdem war das Deutsche Reich Teil eines Systems zweier feindseliger Lager in Europa. Auf der einen Seite Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien, auf der anderen Seite Russland und Frankreich. Alle am Ersten Weltkrieg beteiligten Staaten hätten den Kriegsausbruch verhindern können.

Die Kriegsbegeisterung ist unter den Deutschen groß und auch die Zuversicht: an Weihnachten, da war man sich sicher, würde man wieder zuhause sein. Keiner konnte sich damals vorstellen, in welche Katastrophe Europa durch diesen Krieg und in Folge den Zweiten Weltkrieg steuern würde. Die neuen Waffentechnologien fordern unfassbar viele Opfer, so dass die anfängliche Kriegseuphorie im Reich immer mehr nachlässt.

Wilhelm II. ist überfordert und leidet unter Depressionen. Ab 1916 gewinnen Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und General Erich Ludendorff in der Obersten Heeresleitung immer mehr an Macht, militärische Entscheidungen werden ohne den Kaiser getroffen, er wird zu einem “Grüßaugust”, der Orden an der Front verteilt.

Abdankung und Exil

Nachdem der Krieg verloren ist, drängen die USA auf eine Abdankung des Kaisers. Sie wollen einen Regimewechsel in Deutschland, damit das Land sich innenpolitisch reformieren kann. Auch innerhalb des Reiches formiert sich Widerstand gegen den Kaiser und die Monarchie.

Im November 1918 weigern sich die Matrosen der kaiserlichen Flotte zur Entscheidungsschlacht gegen England in See zu stechen. Es kommt zu revolutionären Zuständen im Reich, die SPD fordert die Abdankung des Kaisers. Wilhelm II. kann sich diesem Druck nicht länger erwehren: am 8. November 1918 tritt Wilhelm II. zurück und flüchtet nach Holland ins Exil.

Kaiser Wilhelm II. bei Holzarbeit im Park

Kaiser Wilhelm II. bei der Holzarbeit

In der Niederlande auf Schloss Doorn lebt der letzte deutsche Kaiser 23 Jahre im Exil. Anfänglich fühlt er sich wie ein Gefangener, ein Polizist wird zu seinem ständigen Begleiter. Mangels Aufgaben verbringt Wilhelm II. seine Zeit damit Holz zu sägen, hält Hof und verteilt kleine Souvenirs in Form von Kaiserfotos an Besuchergruppen.

Wilhelm II. stirbt am 4. Juni 1941, beigesetzt wird er in Doorn. Er verfügt, dass die “Umbettung seiner Gebeine in deutsche Erde” erst nach der Wiederherstellung der Monarchie in Deutschland durchzuführen sei.

Autor: Horst Basting


Preußen

Preußen – das ist noch immer ein Mythos deutscher Geschichte. Klischees von Gehorsam, Pflichterfüllung, Untertanengeist, Militarismus auf der einen sowie Toleranz und Religionsfreiheit auf der anderen Seite lassen sich damit verbinden. Aber auch historische Utensilien wie die Pickelhaube, Uniformen oder Tabakpfeifen bestimmen unsere Vorstellung von Preußen. Es sind aber vor allem die Denkmäler und Bauten wie der Berliner Dom, Schloss Sanssouci oder die Kirchen von Karl Schinkel, die als Zeugen preußischer Geschichte bis in die Gegenwart hineinreichen.

Die Anfänge des Königreichs Preußen

König Friedrich II. - Inbegriff der preußischen Geschichte.

König Friedrich II. – Inbegriff der preußischen Geschichte

Was später Preußen genannt wurde, war zunächst nur ein geografischer Flickenteppich, bestehend aus dem Kurfürstentum der Mark Brandenburg, dem Herzogtum Preußen rund um Königsberg sowie einzelner Gebiete rund um Kleve und Ravensberg im Westen des Reiches. Kurfürst Friedrich III. (1657-1713) war der erste, der diesem zusammenhanglosen Territorium den Namen Königreich Preußen gab. Der ehrgeizige Fürst machte sich im Winter 1701 auf den Weg nach Königsberg, um sich dort selbst als Friedrich I. zum “König in Preußen” zu krönen. Doch es war ihm noch nicht erlaubt, sich “König von Preußen” zu nennen, da Teile Preußens noch unter polnischer Hoheit standen.

Karte von Preußen 1618

Karte von Preußen 1618

Nach ersten Widerständen der europäischen Monarchen gewöhnte man sich mit der Zeit daran, vom Königreich Preußen zu sprechen. Parallel zu den von Erfolg gekrönten machtpolitischen Bestrebungen hatten bereits die kurfürstlichen Vorgänger des neuen preußischen Königs mit einer erfolgreichen Einwanderungspolitik begonnen, die Friedrich I. nun fortsetzte. Das Kernland Brandenburg war durch den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) stark verwüstet worden, die Einwohnerzahl hatte sich durch Seuchen und Hungersnöte halbiert. Dem neuen König gelang es wie seinen Vorfahren, ethnische und religiös verfolgte Minderheiten aus anderen europäischen Regionen ins Land zu holen. Als Lockmittel erhielten die Zugewanderten unter anderem eine mehrjährige Steuerbefreiung, freie Bauplätze und kostenloses Material für den Häuserbau. Vor allem aber sicherte der preußische Staat ihnen Religionsfreiheit zu. Die Einwanderungswelle dauerte noch bis weit in das 18. Jahrhundert hinein an.

Auf dem Weg zur europäischen Großmacht

Friedrich II. bei Kunersdorf, Farbdruck nach Richard Knoetel

Schlacht bei Kunersdorf 1759

Zum machtpolitischen Rückgrat Preußens wurde das Militär. Besonders König Friedrich Wilhelm I. (1688-1740), der den Beinamen “Soldatenkönig” erhielt, begann mit einer umfassenden, den Staat beherrschenden Armeereform. Er führte die Wehrpflicht ein, vergrößerte die Armee und verschärfte den Drill und die Disziplin unter den Soldaten. Seine militärische Besessenheit, die Kunst und Kultur ausbluten ließ, verkörperte der Aufbau seines persönlichen Regiments, der “Langen Kerls”. Obwohl König Friedrich Wilhelm I. pedantisch auf das Geld schaute, verschleuderte er für seine “Langen Kerls” ein Vermögen. Trotz der militärischen Aufrüstung führte der König zusammen mit Dänemark und Sachsen nur einen einzigen Krieg gegen Karl XII. von Schweden, der das Territorium Preußens nach Norden und zur Ostsee erweiterte.

Gemälde: König Friedrich II. vor einer Reihe Soldaten.

Der “Alte Fritz” und seine Soldaten

Erst sein Sohn Friedrich II. (1712-1786), der in der Jugend als feinsinniger und aufgeklärter Kronprinz galt, führte als König viele zermürbende und verlustreiche Kriege. Seine Hauptgegnerin war Maria Theresia, die Erzherzogin von Österreich. Im Winter 1740 griff Friedrich II. zum ersten Mal Schlesien an. Ein Großteil der österreichischen Provinz wurde ihm nach zwei Jahren im Berliner Frieden zugesprochen. Insgesamt führte Friedrich II. viele Kriege, die Preußen große Gebietsgewinne sicherten. Doch damit nicht genug. In der ersten polnischen Teilung von 1772, bei der Russland, Österreich und Preußen das polnische Königreich unter sich aufteilten, konnte er weite Teile Westpreußens, das Verbindungsstück zwischen Brandenburg und Königsberg, besetzen. Damit gelang es ihm, das zersprenkelte Staatsterritorium weiter zusammenzuführen. Fortan durfte er auch den Titel “König von Preußen” führen. Aus dem einstigen Flickenteppich war eine ernst zu nehmende Großmacht inmitten Europas geworden.

Territoriale Ausdehnung und Reichsgründung

Kupferstich von Karl August von Hardenberg.

Karl August von Hardenberg reformierte die Verwaltung

Unter Friedrich II. hatte Preußen zwar viel Territorium dazu gewonnen, seine weiteste Ausdehnung erhielt es aber erst unter seinen Nachfolgern. Der ersten polnischen Teilung folgten unter König Friedrich Wilhelm II. (1744-1797) zwei weitere. Preußen konnte sich die polnischen Städte und Gebiete Warschau, Danzig, Posen, Thorn und Zentralpolen einverleiben. Es verfügte nun über ein so großes Staatsgebiet wie nie zuvor in seiner Geschichte. Außer seinen territorialen Zugewinnen tat sich Friedrich Wilhelm II. vor allem durch die Einführung des “Allgemeinen Preußischen Landrechts” hervor, das allen Bürgen eine zivil- und strafrechtliche Sicherheit gewährte.

Im weiteren Verlauf der Geschichte waren es wieder Kriege, die Preußens Vormachtstellung in Mitteleuropa festigten. Das Ende der Napoleonischen Kriege durch den Wiener Kongress im Jahr 1815 sorgte für eine territoriale Neuordnung des Kontinents. Der Zugewinn der polnischen Gebiete wurde einerseits bekräftigt, andererseits kamen im Westen neue Landstriche hinzu: Westfalen und das Rheinland wurden nun preußisch.

Innenpolitisch war der Beginn des 19. Jahrhunderts durch viele Reformen geprägt. Verwaltung, Regierung, Landwirtschaft und Heer wurden neu strukturiert. Von großer Bedeutung waren die Gewerbefreiheit und die Bildungsreform, die Wilhelm von Humboldt in die Wege leitete. Er forderte die Freiheit von Forschung und Lehre ein, die das Universitätssystem bis heute prägt. Nach dem Wiener Kongress machte sich auf der anderen Seite jedoch auch eine restriktive Politik gegenüber nationalen und liberalen Bestrebungen breit.

Nachdem sich Preußen durch die Gebiete im Westen territorial gefestigt hatte, konnte es im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts seine Vormachtstellung behaupten und seinen größten Konkurrenten Österreich in der Schlacht von Königgrätz 1866 erfolgreich ausschalten. Fünf Jahre später wurde Preußen zum Motor der deutschen Reichsgründung. Der preußische König Wilhelm I. wurde 1871 zum deutschen Kaiser gekrönt. Der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck wurde deutscher Reichskanzler. Damit wurde Preußen Teil des neu gegründeten Deutschen Reiches.

Autor/in: Sabine Kaufmann

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